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Blattzeit

21.08.2015 17:11:56

Es ist Anfang August, die Luft ist schwül und es gehen seit Tagen immer wieder Sommergewitter über den Solling nieder. Nur Abkühlung bringen sie keine.

 

Nachdem ich am Vorabend einen wirklich braven Bock mit dem Blatter von Demmel heranblatten und auch erlegen konnte, ergibt sich am heimischen Gartenzaun ein Gespräch mit einem lieben Jagdfreund. Ihr, die wie ich, vom Land kommt, kennt das sicher. Alles spricht sich ruckzuck herum und so blieb auch mein Jagderfolg nicht unbemerkt. "Wie machst du das nur?"

 

Der Jagdfreund spielt auf meinen Erfolg hinsichtlich der Böcke an. "Naja, ich nutze in der Blattzeit den Blatter, das klappt eigentlich immer sehr gut", antworte ich. "Ja, aber das mache ich auch. Schon viele Jahre lang versuche ich es, aber immer ohne Erfolg. Das kann doch nicht!" Der Jagdfreund hat in diesem Jagdjahr noch keinen Bock erlegt. "Wenn du möchtest, können wir gemeinsam gehen und mal schauen ob sich was tut", necke ich ihn ein wenig mit einem Augenzwinkern. "Weißt du was, das machen wir! Ich nehme dich beim Wort - das will ich sehen", der Jagdfreund schaut mich herausfordernd an. "Okay, morgen Abend?", ich muss dabei ein wenig Grinsen. Manchmal hat man als Frau das Gefühl, doch nicht so ganz ernst genommen zu werden. "Abgemacht. Ich hole dich um 20:00 Uhr ab", antwortet der Jagdfreund. Das tut er dann auch. Pünktlich um 20:00 Uhr steige ich in sein Auto.

 

Bewaffnet bin ich dieses Mal nur mit Fernglas, Hirschhornblatter und dem Rucksack von Opa, der sich als Sitzgelegenheit umfunktionieren lässt. Dann fahren wir ins Revier. Es sind keine fünf Minuten Fahrstrecke, da halten wir auch schon im Wiesental. Wir lassen das Auto am Wieseneingang stehen und pirschen quer über die Weide, den Hang herauf, auf eine Hecke zu. Unterwegs breche ich mir am Wiesenrand ein paar Zweige von Sträuchern ab - ich Ernte einen verwunderten Blick vom Jagdfreund dafür. Oben an der Hecke angekommen schlüpfen wir durch einen Zaun und der Jagdfreund erklimmt den Hochsitz. Ich suche mir unterhalb des Sitzes eine geeignete Stelle und nehme Platz. Es ist jetzt 20:12 Uhr. Ich weiß das noch so genau, weil ich in diesem Moment auf die Uhr schaue, um zu entscheiden wann ich mit dem Blatten beginne.

 

Vor mir liegt eine kleine Wiese, umschlossen von einer Hecke und vor Kopf direkt angrenzend an den Wald. Die Wiese ist erst vor kurzem gemulcht worden und bietet einen etwas zerzausten Anblick. Mittig der Wiese stehen uralte Obstbäume, die schon viele Jahre nicht mehr gepflegt wurden. Dichter Unterwuchs lässt den Bereich wie einen Mini-Urwald erscheinen. Vom Hochsitz aus bis zur Waldkante sind es ca. 200 Meter; bis zu den Obstbäumen ca. 70 Meter. Ich bin ein wenig unzufrieden mit meiner Position, kann sie aber nicht verbessern ohne ins Schussfeld zu geraten. Ich sehe also nur den Ausschnitt vor den Obstbäumen und die Linke Seite der Wiese, bis kurz vor der Waldkante.

 

Ist nicht zu ändern… Also behalte ich die Kanzelfenster im Auge und wenn sich der Lauf dort zeigt, muss also ein Bock in Anblick sein. Ich lasse nun zehn Minuten verstreichen und beginne mit den ersten Strophen des Liedes einer verliebten Ricke. Nach ein paar Tönen lasse ich wieder Stille einkehren, doch nichts geschieht. Ich schaue immer wieder zur Kanzel hoch, dort bleibt alles unverändert. Ich entscheide nach einiger Zeit, das Blatten nun zu intensivieren. Mit den Zweigen, die ich mir zu Beginn abgebrochen habe, schlage ich auf den Boden. Ich nehme den Blatter und ahme den Sprengfiep nach. Zwei Mal wiederhole ich es. Der Bock soll denken ein Rivale verfegt in seinem Revier und ist hinter seiner Ricke her. Da nehme ich eine Bewegung von der Kanzel her wahr. Als ich herauf schaue, sehe ich den Lauf, der sich langsam nach vorne schiebt...

 

Ich drehe meinen Kopf wieder nach vorne und schon sehe ich ihn. Ein braver Bock kommt im Stechschritt auf mich zu. Rechts von den Apfelbäumen, von der Waldkante her. Auf 80 Meter verhofft er spitz von vorn und äugt in meine Richtung. Dann dreht er rechts bei und steuert das Dickicht unter den Obstbäumen an. Zügig zieht er - er scheint den Betrug durchschaut zu haben. Mein Jagdfieber steigt, der Pulsschlag dröhnt in meinen Ohren. Die Sache wird knapp, schon ist er am Rand der Obstbäume. Da verhofft er noch einmal. "Jetzt", höre ich mich im Kopf sagen, halte mir die Ohren zu und schon bricht da der Schuss.

 

Der Bock liegt im Feuer.

 

Ich höre das Repetieren der Büchse über mir. Minuten vergehen. Still ist es nun. Ich merke, wie meine Anspannung nachlässt. Mein Jagdfreund blickt herunter zu mir und ich nicke ihm zu. Langsam steigt er die Leiter herunter, wir sprechen nicht, keiner möchte die Stille durchbrechen. Schweigend treten wir ans Stück. Ich lasse den Erleger dort zurück und breche Zweige von einer Buche, da weder Fichte, Eiche, Tanne, Erle und Kiefer zur Hand waren.

 

Mit gezogenem Hut überreiche ich nach alter Sitte Brauch dem Jäger dem Erlegerbruch und dem Wild den letzten Biss. Mein "Waidmannsheil", als ich ihm die Hand schüttele und sein "Waidmannsdank", sind die ersten Worte, die wir sprechen. Mehr braucht es in diesem Moment nicht. Dieses Erlebnis Bedarf keine großen Worte. Ich schaue auf die Uhr, 20:48 Uhr.

 

Bevor wir den Bock mitnehmen, mache ich ein Erinnerungsbild. Auf dem Weg zum Auto schaut mich mein Jagdfreund an und schüttelt lächelnd den Kopf. "Unglaublich, einfach unglaublich", murmelt er vor sich hin. "Ich dachte du vergrämst alles, als ich hörte was für ein Spektakel du da unten gemacht hast", er blickt mich belustigt an. "Dann kommt da der Bock, so energisch, so suchend aus dem Wald - unglaublich diese Situation!" Der Jagdfreund ist noch immer etwas fassungslos. "Guter Schuss." Ich lege meine Hand auf seine Schulter.

 

Wir beide verstauen unsere Sachen und heben den Bock in die Wildwanne. Auf der Heimfahrt lächeln wir beide vor uns hin. Mein Jagdfreund, der nun schon Jahrzehnte lang zur Jagd geht und die 60 bereits überschritten hat, weil es für ihn ein wundervolles Jagderlebnis war und ich, weil es auch für mich ein besonderes Erlebnis war. Vor allen Dingen aber auch, weil ich ein kleines bisschen stolz bin.

 

Waidmannsheil,

 

Eure Niko